Frankreich-Krimi – En vogue oder passé?

Das Genre

Kann man heutzutage als deutschsprachiger Autor ernsthaft noch einen Frankreich-Krimi schreiben, sich in diesem Genre erfolgreich etablieren?

Der Markt scheint längst aufgeteilt, die Platzhirsche verteidigen ihr Revier. Punktgenau vor den Sommerferien liegt jedes Jahr der neueste Bretagne-Krimi stapelweise in den Auslagen der Buchhandlungen, die sechsstellige Auflage ist damit garantiert, Madame le Commissaire aus Südfrankreich liefert ihm ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Natürlich sollte man für seinen Ermittler eine attraktive Urlaubsregion auswählen, sonst wird das nichts mit dem Bestseller. Die Bretagne ist schon prominent besetzt, also schwierig. Provence und Côte d‘Azur gehen immer, auch wenn sich dort bereits unzählige deutschsprachige Liebhaberinnen der Region literarisch austoben: „Mörderische Côte d’Azur“ oder „Tödlicher Lavendel“ verkaufen sich bestens – zur Urlaubszeit. Selbst für das behäbige Elsass – mit weniger südfranzösischem Flair als im Midi und ohne die stürmische Brandung der Bretagne – gibt es inzwischen mehrere Anbieter.

Die Nachfrage nach diesem Genre ist dennoch ungebrochen, die Auflagenzahlen beweisen es. Die Deutschen lieben Frankreich, als Urlaubsland und als Handlungsort ihrer Krimilektüre.

„Straßburger Geheimnisse“ – der erste Band

Nun ja, eigentlich wollte ich ein Buch über „Europa“ schreiben, verpackt in eine humorvolle Kriminalgeschichte, „Mord im Europäischen Parlament“ oder etwas dergleichen schwebte mir als Titel vor. Die Perspektive eines Straßburger Ermittlers lag mir, schließlich hatte ich zwei Jahre in der Stadt gelebt. Gutes Buch, aber unter diesem Titel kaum zu vermarkten, teilte mir mein Verlag mit.

Glücklicherweise liegt das Europäische Parlament in Straßburg und die verschlafene Europastadt war eine Marktlücke für deutschsprachige Frankreich-Krimis. Die Region Elsass ist inzwischen kriminalistisch ganz gut vermarktet, aber die Europametropole am Oberrhein wartete noch auf ihren eigenen „Commissario Brunetti“. Schließlich wurde die Stadt schon im Mittelalter mit Venedig verglichen, mein Kommissar Sturni könnte diese kleine, noch freie Lücke im Markt demnach schließen. Einen Versuch war es wert, also „Straßburger Geheimnisse“, Frankreich, Regio, das volle Programm.

Die Fortsetzung – „Pariser Enthüllungen“

So weit, so gut. Der Grundstein für die nächste in Frankreich spielende Serie Regionalkrimis war gelegt, Straßburg als Handlungsort nun besetzt. Dummerweise hatte ich Lust, meinen „schrulligen“ Kommissar bei seinem zweiten Fall nach Paris zu versetzen, das ist eigentlich gegen die Spielregeln des Genres.

Natürlich, Paris ist – wahrscheinlich noch vor Provence, Côte d‘Azur und Bretagne – die Königin der in Frankreich spielenden Kriminalliteratur. Allerdings ist die Konkurrenz dort groß, in kaum einer anderen Stadt dürften so viele Kriminalromane spielen, wie in der Stadt der Liebe.

Der Bitte meines Verlags, die schöne Geschichte – sie war bereits geschrieben – doch von Paris nach Straßburg – wir erinnern uns an die Marktlücke – zu verlegen, konnte ich leider nicht entsprechen. Sie wäre nicht mehr authentisch gewesen, hätte ihren Reiz verloren. Aber warum nicht einmal einen Kommissar auf Reisen schicken und einen Straßburger Ermittler mit einem Fall in der großen weiten Welt konfrontieren, in der Hauptstadt Paris.

Die Entsendung eines Ermittlers der französischen Peripherie in die Zentrale der Kriminalpolizei nach Paris bot gleichsam die Möglichkeit, das Genre des Frankreich-Krimis mit dem eines Entwicklungsromans zu kombinieren, meine Romanfigur vielschichtiger wirken, ja reifen zu lassen.

Was macht ein Leben in der schönsten Metropole der Welt mit jemandem aus der Provinz? Wie wird sie von illegalen Migranten wahrgenommen, die jeden Tag ums wirtschaftliche Überleben kämpfen und eine Konfrontation mit dem Polizeiapparat, für den der Kommissar steht, fürchten, wie der Teufel das Weihwasser?

Erschafft man so einen französischen „Commissario Brunetti“, eine Erfolgsgeschichte? Ich weiß es nicht, hätte natürlich nichts dagegen. Spaß gemacht hat das Schreiben dieses Buchs allemal und es war ein Genuss, mich gedanklich in meine eigene, kurze, aber intensive Zeit in Paris zurückzuversetzen.

„Straßburger Glaubensbekenntnis“ – Sturnis dritter Fall

Nach seiner Exkursion in die Hauptstadt spielt Sturnis dritter Fall wieder in Straßburg. In der Nacht vor dem Äquinoktium, an dem Tag und Nacht genau gleich lang sind und jedes halbe Jahr um die Mittagszeit ein mysteriöses grünes Licht über die Jesusfigur an der Kanzel des Straßburger Münsters wandert, wird eben diese Figur von einem unbekannten Täter zerstört.

Kommissar Sturni ermittelt vertretungsweise eine aus seiner Sicht banale Sachbeschädigung, bis seine Mitbewohnerin Oriane Jacquesson ermordet wird. In „Straßburger Glaubensbekenntnis“ bekommt er es mit zwei ermordeten Frauen und einem verschollenen Buch von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks, zu tun. Seine Ermittlungen führen ihn in das Milieu der katholischen Kirche und er muss sich tief in die mittelalterliche Geschichte der Stadt einarbeiten, um die Mordfälle aufzuklären.

Parallel zur Mordermittlung wird in eingeflochtenen Anekdoten die Geschichte von Johannes Gutenberg zwischen 1434 und 1444 in Straßburg und dessen Erstellung des ersten gedruckten Buchs der Welt als historische Fiktion erzählt.

Da die kleine Reihe einer Umstrukturierung des verlegenden Mutterkonzerns zum Opfer fiel, habe ich dieses Buch kurzerhand selbst verlegt, mit einer darauf spezialisierten Agentur rezensiert, gestaltet und veröffentlicht.

Benötigt man einen großen Verlag, um ein gutes Buch herauszubringen? Nein, die von Verlagen erbrachten Dienstleistungen kann man heutzutage professionell einkaufen und für die Vermarktung gibt es eine Vielzahl von Plattformen, ob als E-Book oder im Printformat.

Welche Form des Verlegens ist vorzugswürdig? Schwer zu sagen, beides hat Vor- und Nachteile. Als Selfpublisher ist man schneller, freier und flexibler, der Aufdruck eines großen Verlags auf dem Cover wirkt hingegen wie ein Gütesiegel für das Buch und erleichtert so die Vermarktung. Auf jeden Fall habe ich nun Erfahrungen damit gemacht, Bücher über einen Verlag und in Eigenregie herauszubringen. Für weitere Projekte würde ich mir auf jeden Fall beide Optionen offenhalten.

Stefan Böhm